Vorsichtig wanderten die beiden durch die geisterhaft stillen Korridore der Universität. Rattenknochen machte sich einen Spaß und bemalte die Gesichter einiger der Zauberer, die wie zu Eis erstarrt rumstanden. Einem, den er ganz besonders nicht mochte zog er die Unterhose über den Kopf. Irgendwann kamen sie dann in die Kellergewölbe. Jarym schien den Weg zu kennen. Aber auch Rattenknochen
konnte den Weg leicht erraten, denn die Zeitverwerfungen wurden immer stärker, umso näher sie der Quelle kamen. Den Hut, den sie gebaut hatten hielten sie beide fest, er schien sie in ihrem Zeitrahmen zu halten, wie Rattenknochen vermutete.
Eine große Halle tat sich vor ihnen auf, in ihrer Mitte stand ein großer schwarzer Würfel und über diesem schwebte eine Bronzekugel von etwa zwei Metern Durchmesser. Die Kugel vibrierte und die Augen taten weh, wenn man sie anblickte. Das war der Ursprungsort der temporalen Anomalie und der seltsame Mann aus der Lagerhalle stand davor.
"Weg von der Maschine !", brüllte Jarym und versaute damit jedes Überraschungsmoment.
Doch ihr Gegner schien sie bereits zu erwarten, er drehte nur den Kopf, die Kaputze schlug zurück und Rattenknochen erschrak, als er das Gesicht des Fremden erblickte.
Ein Schalter wurde umgelegt, kurz glaubte Rattenknochen sich selbst zu sehen.
Dann blich die Welt aus... sie wurde weiß... und Rattenknochen fühlte sich schwerelos, als sich alles um ihn aufgelöst hatte.
Gedanken schossen ihm durch den Kopf. Oder besser sie krochen... oder flogen... oder... wie fühlt man sich wenn man keine Zeit mehr hat. Also gar keine Zeit mehr. Wenn die Zeit aufgehört hat zu existieren. Wenn es keinen Abstand mehr zwischen zwei Herzschlägen oder zwei Gedanken gibt. Rattenknochen hatte Kopfschmerzen.
"Weisst zu zufällig, wie spät es ist ?", es war Jaryms Stimme, die da neben ihm erklang. Der junge Zauberer drehte sich und tatsächlich, da war der alte. Er war die ganze Zeit bei ihm gewesen und hatte, wie er den Hut nicht
los gelassen.
"Bitte was ?", war die einzige Antwort, die er raus brachte.
"Ach tut mir leid... ein kleiner Witz unter uns Zeitreisenden, weisst du. Der Humor liegt darin,
dass es hier gar keine... ach das verstehst du eh nicht... noch nicht."
Das musste Rattenknochen erst einmal verdauen, die Gedanken sickerten dann langsam (oder schnell, oder wie auch immer)
zu einer Erkenntnis.
"Dieser... Typ, der gerade die Zeit vernichtet hat... das war... ich ?"
Jarym nickte und sah ihn hoffnungsvoll an, ihn auffordernd noch mehr Schlüsse zu ziehen.
"Und... er kommt aus einer anderen Zeitlinie ?"
Wieder nickte Jarym.
"Dann bist du... bei allen Göttern... du bist... mein Stiefbruder ?"
Und Jarym bewies, dass man es trotz der Abwesenheit von Zeit hören kann, wenn jemand einem anderen auf den Hinterkopf klatscht (Physiker einer anderen Welt bauen für solche Erkentnisse riesige Metallröhren unter der Erde, wo sie kleine Dinge auf noch kleinere schießen).
"Du Blödkopf ! Ich bin auch du... natürlich ein paar Jahre später und in einer anderen Zeitlinie. Aber wir drei sind Rattenknochen. Und jetzt erzähle ich dir die ganze Sache, bevor du noch mehr
Unsinn von dir gibst...
Rattenknochen, dich wird jemand umbringen. Aber du bist in dieser Zeitlinie wichtig. Gerade in dem Moment, in dem du stirbst ist ein Knotenpunkt und wenn du dort aufhörst zu existieren gibt es mich nicht und alle anderen späteren Ausgaben von uns auch nicht. Zwei Personen wissen sonst noch davon. Ich... und er.
Ich habe es als erstes gesehen, obwohl ich weiter aus der Zukunft komme und habe mir zur Aufgabe gemacht unser Weiterbestehen zu sichern. Also habe ich dich kurz vor dem Tod ausgetauscht, oder besser eine andere Version von dir in diese Zeitlinie gebracht. Ich hatte ihn dazu ausersehen, bin in seine Zeitlinie gefahren und habe ihm geholfen den Hut zu bauen. Aber etwas ging schief, er hat etwas vergessen. Als er den Hut dann aufsetzte und ihn aktiviert hat ist etwas schreckliches passiert. Mit einem Mal hatte er Einblick in das Wissen über alle Zeitlinien, die Existieren. Davon ist er natürlich etwas bekloppt im Kopf geworden, du hast ihn ja gesehen. Er hat mich überwältigt, ich konnte ihm durch die Zeit
folgen und die meisten Schäden, die er anrichtete beheben. Aber dann fand er dich. Die letzte vom Hut noch unberührte Zeitlinie. Hier konnte er sein Werk vollenden. Denn er will uns alle töten. Alle Rattenknochens aller Zeitlinien, er will der einzige sein. Ich bin also zu dir gekommen, etwas vor ihm, in der Hoffnung einen Hut für dich zu bauen, der funktioniert. Aber das hat ja wohl nicht geklappt."
Eine Art peinliches Schweigen entwickelte sich, als die beiden sich anstarrten. Nach einer Weile (oder einer Ewigkeit) fasste der junge Rattenknochen den Mut etwas zu sagen.
"Sehe ich irgendwann wirklich so schrecklich alt aus ?"
(Fortsetzung folgt)
